Anatomisten und Seefahrer oder: Die Melancholie des Erzählens

Aus dem pseudo-aristotelischen Problem XXXI wissen wir, daß alle hervorragenden Männer, ob Philosophen, Staatsmänner, Dichter oder Künstler [ ... ] Melancholiker gewesen sind. Seitdem gilt die Melancholie nicht nur als S
Aus dem pseudo-aristotelischen Problem XXXI wissen wir, daß alle hervorragenden Männer, ob Philosophen, Staatsmänner, Dichter oder Künstler [ ... ] Melancholiker gewesen sind. Seitdem gilt die Melancholie nicht nur als Signum des genialen Geistesmenschen, seit der Entdeckung des neuzeitlichen Subjekts begründet die melancholische Versenkung in das eigene Ich dessen Anspruch auf eine möglichst tiefgründende Innerlichkeit. Dabei wird in der Darstellung der Melancholie eine bemerkenswert konstante Topik zum Einsatz gebracht: die Farbe Schwarz, die sich metonymisch von der schwarzen Galle auf das finstre Gemüt und die Vorliebe des Melancholikers fiir alles Dunkle schlägt, ja selbst im 18. Jahrhundert den schwarzen Kaffee zur Ursache der Melancholie werden läßt, der auf die Hand gestützte Kopf, Gottferne, Einsamkeit, Geiz, erotische Veranlagung, unendliches Grübeln und anderes mehr. Der Anspruch auf Genialität und subjektive Innerlichkeit will nicht so recht zu dem topischen Schematismus passen, mit dem sich die Melancholie im kulturellen Gedächtnis präsentiert, läßt vielmehr Genialität und Innerlichkeit selbst zu melancholischen Topoi erstarren. Dieses widersprüchliche Verhältnis zwischen behaupteter Innerlichkeit und topischer Außenrepräsentanz lenkt den Blick auf die diskursiven Entstehungsbedingungen des Melancholieparadigmas.
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Metadaten
Author:Martina Wagner-Egelhaaf
URN:urn:nbn:de:hebis:30-1154425
Document Type:Part of a Book
Language:German
Date of Publication (online):2010/06/08
Year of first Publication:2000
Publishing Institution:Univ.-Bibliothek Frankfurt am Main
Release Date:2010/06/08
SWD-Keyword:Erzähltechnik ; Melancholie
Source:http://miami.uni-muenster.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-5109/Anatomisten_und_Seefahrer.pdf ; (in:) Bernhard Greiner, Maria Moog-Grünewald: Kontingenz und Ordo. Selbstbegründung des Erzählens in der Neuzeit. - Heidelberg: 2000, S. 95-115
HeBIS PPN:225983079
Dewey Decimal Classification:830 Literaturen germanischer Sprachen; Deutsche Literatur
Sammlungen:GiNDok
BDSL-Classification:BDSL-Klassifikation: 05.00.00 Deutsche Literaturgeschichte > 05.09.00 Gattungen und Formen > 05.09.03 Epik
Licence (German):License Logo Veröffentlichungsvertrag für Publikationen

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