Der koloniale Diskurs und Orte des Gedächtnisses

Ähnlich wie Robert Musils Kakanien sollte auch das postkoloniale Indien als ein Land des »Sowohl als auch u(nd) des Weder noch« gedacht werden. Statt der aristotelischen Logik des »Entweder-oder« sollte eine Art dialekti
Ähnlich wie Robert Musils Kakanien sollte auch das postkoloniale Indien als ein Land des »Sowohl als auch u(nd) des Weder noch« gedacht werden. Statt der aristotelischen Logik des »Entweder-oder« sollte eine Art dialektischer Logik helfen, der Komplexität der geschichtlichen Entwicklung Indiens gerecht zu werden. Auf dem günstigen Boden eines säkularen Staats sollten die Traditionen von kultureller Toleranz, kommunikativer Mehrsprachigkeit und religiösem Synkretismus wieder ihren gerechten Platz bekommen, nachdem die Epistemologie des Kolonialismus die Komplexität Indiens als Chaos begriffen hatte und durch Grenzziehungen in allen lebensweltlichen Bereichen ›Homogenisierung‹ als identitätsstiftenden Wert erfunden und als handlungsbestimmend installiert hatte. Das säkulare Projekt war, wie wir wissen, eine Utopie, deren Charme durch den Angriff auf sie eher erhöht als vermindert wird. Sie lebt im fundamentalistisch geprägten Indien im ironischen Modus zwar weiter, aber der konzentrierte Angriff von Hindu-Fundamentalisten auf Monumente aus der Zeit der islamischen Herrschaft unterstreicht ja nur die Fragilität utopischer Projekte in Indien. Es geht um Moscheen, die angeblich auf dem Fundament (!) von zerstörten Tempeln gebaut wurden. Sie sind juristische und wissenschaftliche Streitobjekte; Orte eines neuen, religiös geprägten Gedächtnisses, das im triumphalen politischen Aufstieg historische Wiedergutmachung durch Zerstörung der Symbole der nationalen Schmach erlangen will. Es geht also nicht um die historisch behutsame Pflege von alten Monumenten oder um Restaurierung, sondern schlicht um Zerstörung und um Auslöschung des historischen Gedächtnisses.
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Metadaten
Author:Anil Bhatti
URN:urn:nbn:de:hebis:30:3-233241
URL:http://www.kakanien.ac.at/beitr/theorie/ABhatti2.pdf
ISBN:978-3-7065-4125-1
Publisher:Kakanien Revisited
Document Type:Part of a Book
Language:German
Date of Publication (online):2011/11/22
Year of first Publication:2006
Publishing Institution:Univ.-Bibliothek Frankfurt am Main
Release Date:2011/11/22
SWD-Keyword:Indien; Kollektives Gedächtnis; Postkolonialismus
Pagenumber:7
First Page:1
Last Page:7
Note:
erschienen in: Moritz Csáky, Monika Sommer (Hrsg.): Kulturerbe als soziokulturelle Praxis. - Innsbruck et al.: Studienverlag, 2005 S. 115-128 (Gedächtnis – Erinnerung – Identität, 6)
Institutes:Extern
Dewey Decimal Classification:800 Literatur und Rhetorik
Sammlungen:Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
BDSL-Classification:BDSL-Klassifikation: 03.00.00 Literaturwissenschaft > 03.14.00 Literatursoziologie
Licence (German):License Logo Veröffentlichungsvertrag für Publikationen

$Rev: 11761 $