Am Anfang unseres Jahrhunderts war die DARWINsche Selektionstheorie
bereits ziemlich generell anerkannt, aber viele Forscher glaubten, daß
daneben auch unmittelbare Umwelteinflüsse sowie Gebrauch und Nichtgebrauch
von Organen die Erbsubstanz allmählich ändern könnten.
Gerade die Höhlentiere legten eine solche lamarckistische Auffassung
nahe. P. KAMMERER (1912) hatte gezeigt, daß der bekannte Grottenolm
(Proteus anguineus) bei Aufzucht im Licht dunkles Hautpigment und auch
verhältnismäßig normal gestaltete Augen ausbildet, während die Augenanlagen,
speziell die sich bildenden Linsen, bei dunkel gehaltenen Tieren
wieder weitgehend reduziert werden. Die starke Modifikabilität deutete
darauf hin, daß bei anderen, erblich völlig augenlosen Höhlentieren die
Augenrückbildung auf dem Wege einer zunächst nichterblichen Verkümmerung
erfolgt sein könnte. Daß die Obereinstimmungen von erblichen
Merkmalen und Modifikationen auch anders erklärt werden können,
wurde vornehmlich erst durch R. GOLDSCHMIDTs Versuche über mögliche
Parallelinduktion bei Drosophila (1929) erkannt. Heute wissen wir,
daß solche Phänokopien bei sehr zahlreichen Merkmalen auftreten können,
weil sowohl erblich als auch nichterblich bedingte Faktoren in
verschiedenen Phasen des Entwicklungsprozesses in gleicher Weise
steuernd eingreifen können.